Dienstag, 12. März 2019

Zum 110ten Todestag: Das Nachwirken von Ferdinand Lepcke am Kurzbeispiel der Kleinplastik „Wiedersehen“ – Gestern museale Kunst und heute Pop

Noch im Januar 1909 veranlasste der Berliner Bildhauer Ferdinand Lepcke (23. März 1866 – 12. März 1909) eine Schenkung ausgewählter Werke an seine Geburtsstadt Coburg. Er hatte der Stadt bereits in den Jahren zuvor verschiedene Arbeiten in Gips und Bronze zur Aufstellung im damaligen Rathaussaal übergeben. Nur in Gips damals in Coburg vorhandene Werke sollten nach Bestreben des Künstlers möglichst finanziert und in Bronze gegossen werden. Hierzu konnte es jedoch nicht mehr kommen.

Am 12. März 1909 – wenige Tage vor seinem 43. Geburtstag – verschied Lepcke an einer Lungenentzündung in Berlin. Einer Überlieferung nach ließ sich der Künstler noch erkrankt in seinem Atelier betten. Wenig später verstarb er. Hoffte er so auf raschere Genesung, oder wollte er Abschied nehmen von seinen Schöpfungen und Ideen?

Auf der Großen Berliner Kunstausstellung von 1909 zeigte man in Gedenken an den verstorbenen Bildhauer 28 seiner Werke. Darunter vertreten waren Gipse und Bronzen, eine Holzskulptur sowie die in carrarischem Marmor ausgeführte Idealplastik „Wiedersehen“. Das Motiv wurde in bedeutende Sammlungen aufgenommen, es befindet sich zum Beispiel als Bronzeguss in der Alten Nationalgalerie Berlin (Ankauf 1904), in den Kunstsammlungen der Veste und den Städtischen Sammlungen Coburg oder in der Eremitage in St. Petersburg. Das letztere Haus bietet sogar relativ hochpreisige Nachgüsse unter dem Titel „The Kiss“ im Museumsshop an.

Die Kleinplastik „Wiedersehen“ sollte neben den als Kleinplastiken erprobten und später lebensgroß ausgeführten Figuren der „Bogenspannerin“ (1905/06) und der „Phryne“ (1907/08) eine der bekanntesten und beliebtesten Arbeiten Lepckes werden. Mindestens zwei etablierte deutsche Gießereien nahmen das „Wiedersehen“ bereits zu Lebzeiten des Bildners oder kurz danach in ihr ständiges Angebot von Salon- oder Schreibtischbronzen auf.

Wiedersehen, Bronzeguss, 31 cm mit Sockel, Kunstsammlungen der Veste Coburg, Inv.-Nr. Pl.154. Kunstsammlungen der Veste Coburg https://www.kunstsammlungen-coburg.de

Ab 1917 wurde das Motiv auch in der Kunstgießerei Lauchhammer in unterschiedlichen Dimensionen in Eisen und Bronze gegossen. Ferdinand Lepckes Bruder Oskar (1864–1930) achtete und schätzte die Kunst von Ferdinand sehr – zudem war er ein findiger Kaufmann. Oskar Lepcke sorgte lebenslang und mit besten Kräften dafür, dass Teile des Schaffens seines Bruders dauerhaft für den Kunsthandel verfügbar blieben, indem er der Kunstgießerei Lauchhammer Lizenzen zur Vervielfältigung von Gipsen in Bronze und Eisen verkaufte.

Zwischen 1917 und 1948 lieferte die Lausitzer Gießerei das „Wiedersehen“ unter anderem nach Bukarest, Rotterdam, Stockholm, Berlin, Duisburg, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, Stuttgart, Halle/Saale und Riesa. Eine nicht geringe Anzahl an Güssen der Figurengruppe wurde auch von einzelnen Mitgliedern der Sowjetischen Militäradministration angekauft. Der erste Verkauf nach dem Zweiten Weltkrieg an Privat ist für das Jahr 1947 belegt.

Das „Wiedersehen“ wurde bis 1989 im Katalog der dem VEB Schwermaschinenbau Lauchhammer zugehörigen Gießerei angeboten. Auch in den letzten Jahren wirbt die aktuelle Kunstgießerei Lauchhammer mit dem Bildwerk und bietet Bronzenachgusse an.

Inwiefern Lepckes Schaffen posthum in den 1930er und 1940er Jahren eventuell politische Instrumentalisierung oder Zäsur erfahren haben könnte, ist bislang kaum erforscht. Am Rande bemerkenswert erscheint aber, dass Alfred Rosenberg (1893–1946) als einer der wichtigsten Ideologen der NS-Propaganda eine Arbeit Lepckes in einer Bildfolge mit dem Titel „Deutsche Frauenplastiken der Gegenwart“ in den Nationalsozialistischen Monatsheften der NSDAP vom Januar 1938 veröffentlichen ließ – 29 Jahre nach Lepckes Ableben. Außerdem waren hier Werke von Wilhelm Petersen (1900–1987), Hans Schwegerle (1882–1950), Arno Breker (1900–1991), Oswald Hofmann (1890–?), Ernst Freese (1865–?), Christiane Gerstel-Naubereit (1901–2001) und von Lepckes Studienfreund Fritz Klimsch (1870–1960) abgedruckt.

Erfolgsmitbestimmend für den kommerziellen Absatz einer Plastik auf dem Kunstmarkt konnte der Ankauf der Alten Nationalgalerie aus den Großen Berliner Kunstausstellungen sein, so mit Lepckes „Wiedersehen“ 1904 geschehen. Mit Unterbrechung durch die Weltkriege waren der Bronze- und nachrangig der Eisenguss prominenter Plastiken für die Ausstattung repräsentativer oder privater Orte und Räumlichkeiten von Interesse.

Abgesehen vom Kunsthandel mit Eisen- und Bronzegüssen sowie mit Alabastervarietäten bediente die Alexander Backer & Co. Inc. aus New York etwa ab den 1950er und 1960er Jahren auch Kunden mit kleinem Geldbeutel. Backer warf Gipskopien von bekannten Büsten und Kleinplastiken auf den Markt, darunter Lepckes „Wiedersehen“, die ohne Mühe auch heute noch zu erwerben sind.

Die serielle und letztlich sehr wahrscheinlich massenhafte Produktion von billig herzustellenden Gipskopien des Motivs durch die Alexander Backer & Co. Inc. eröffnete dem ohnehin aufgrund seiner Emotionalität recht gängigem Motiv eine weitere Popularisierung in breiteren Bevölkerungsschichten. So setzte das „Wiedersehen“ seinen Erfolgskurs vom Museum über das Bürgertum des beginnenden 20. Jahrhunderts hin zum Dekorationsobjekt für gewissermaßen „Jedermann“ weiter fort.

Auch zeitaktuell erfreut sich das Motiv ungebrochener Beliebtheit:
„Auf einer Reise im Jahr 2017, die unter anderem auch nach Stockholm führte, besuchte ich verschiedene Kunstsammlungen. Bei einem Spaziergang durch Gamla stan wurde ich auf eine Kopie von Lepckes „Wiedersehen“ im Schaufenster eines Souvenirladens aufmerksam. Der Verkäufer berichtete, dass es sich um Kopien aus Asien handele. Diese bestanden aus mit Metallpulver versetztem Kunststoff, um so mehr schlecht als recht den Eindruck eines edlen Kunstgusses zu suggerieren. Abgesehen von der schlechten Ausführung der Kopie und dem fehlenden Hinweis auf den Künstler freute mich eines ganz besonders: Der Verkäufer gab weiter zu verstehen, dass jungverliebte Paare auf Reisen das Motiv recht häufig erwerben würden.“ (Nicky Heise, März 2019)

©Nicky Heise, Berlin 11.03.2019


Veranstaltungshinweis:

18.03.2019, 19:00 Uhr
„Der Bildhauer Ferdinand Lepcke: Was ist von seinem Wirken und seinen Werken geblieben?“
Vortrag von Dr. Rudolf Mach

Heimat- und Kulturverein Kleinmachnow e.V.
Hohe Kiefer 41
14532 Kleinmachnow
http://www.kleinmachnow.de/staticsite/staticsite2.php?menuid=264&topmenu=264


Literatur:
Nicky Heise: Ein Kuss zum Frühlingserwachen. In: Westerwälder-Landleben-Magazin, Ausgabe 10, März 2018, Edition Blattwelt Niederhofen, S. 26–28. (Aufsatz zu Ferdinand Lepckes Kleinfigur „Wiedersehen“)

Nicky Heise: Ferdinand Lepcke (1866–1909) – Ein Berliner Bildhauer um 1900. In: Das Teltower Land. Heimat-Magazin 2015/16. Verlag     Buchkontor Teltow 2016, S. 149–164. ISBN 978-3-9815865-4-1

Ferdinand Lepcke. Allgemeines Künstlerlexikon (AKL) – Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 84, S. 160, De Gruyter, München 2014. ISBN 978-3-11-023189-2

Nicky Heise, Susanne Kähler, Inga Kopciewicz, Stefan Pastuszewski, Marek Romaniuk, Klaus Weschenfelder: Ferdinand Lepcke 1866–1909. Anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Museum Bydgoszcz, Dezember 2014 bis März 2015, Bydgoszcz 2014. ISBN 978-83-63572-92-1

Nicky Heise, Susanne Kähler und Klaus Weschenfelder: Ferdinand Lepcke (1866–1909) – Monografie und Werkverzeichnis. Sonderdruck aus dem Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 2012, Coburg 2012/13, 252 Seiten, 100 Farbabbildungen. Anlässlich der Sonderausstellung „Ferdinand Lepcke (1866–1909) – Weiblicher Akt und Körperideal“, vom 16. Dezember 2012 bis zum 14. April 2013 in der steinernen Kemenate der Kunstsammlungen der Veste Coburg und vom 18. Mai bis zum 18. August 2013 im Kunstgussmuseum Lauchhammer. ISBN 978-3-87472-092-2


Quellen:
Ferdinand Lepckes „Wiedersehen“, Bronze, Museumsshop Eremitage in St. Petersburg: https://www.hermitageshop.org/sculpture/bronze/001049.html.

Ferdinand Lepckes „Wiedersehen“, Bronze, Kunstgießerei Lauchhammer:
https://www.kunstguss.de/shop/skulpturen/bronzeskulpturen/skulptur-wiedersehen-bronze-ferdinand-lepcke

Ferdinand Lepckes „Wiedersehen“, Gipskopie, Alexander Backer & Co. Inc.: https://www.etsy.com/de/listing/633132086/alexander-backer-liebevoll-umarmen-nude?ga_order=most_relevant&ga_search_type=all&ga_view_type=gallery&ga_search_query=Alexander+Backer&ref=sr_gallery-1-15&organic_search_click=1&frs=1

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