Dienstag, 10. Januar 2012

Ferdinand Lepcke (1866-1909). Weiblicher Akt und Körperideal.

Ausstellung und Werkverzeichnis 2012/13

NPG: „Hero“ Prof. Ferd. Lepcke-Berlin. 437, Privatbesitz NH.


Die Kunstsammlungen der Veste Coburg und die Stiftung Kunstgussmuseum Lauchhammer werden ab Dezember 2012 bis April 2013 in Coburg und von Mai bis September 2013 in Lauchhammer eine Sonderausstellung zum Leben und Kunstschaffen des Bildhauers Ferdinand Lepcke (Coburg 1866 – Berlin 1909) präsentieren.

Hierzu erbitten wir Hinweise zu Kunstwerken und Archivalien. Ihre Informationen behandeln wir selbstverständlich vertraulich.

Kontakt:

Kunstsammlungen der Veste Coburg

Direktor: Dr. Klaus Weschenfelder

96450 Coburg

E-Mail: sekretariat@kunstsammlungen-coburg.de

oder

Nicky Heise, Dipl. – Museologe (FH): nicky.heise@gmx.de

Dienstag, 21. Dezember 2010

Ausstellungserinnerung: OXYDATION - Rost - Bilder - Folien - Drucke - von Ingrid Sperrle im Kunsthof Halberstadt

Noch bis zum 14.01.2011 wird in der Galerie im Kunsthof zu Halberstadt eine Auswahl der Werke von Ingrid Sperrle präsentiert (Einschränkung: urlaubsbedingte Schließung vom 23.12.2010 - 03.01.2011). Hierzu berichtete die Künstlerin während der Vernissage am 12.11.2010 in einem ausführlichen Vortrag geprägt von Frage und Antwort über den künstlerischen Entstehungsprozess ihrer Arbeiten. Ihre Werke, allesamt ohne Titel gehalten, können der Konkreten Kunst zugeordnet und unter dem Gesamtbegriff Oxydation zusammengefasst werden. Sie bieten dem Betrachter nicht nur die Möglichkeit zum ästhetischen Genuss, sondern auch zur tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema von Entstehung, Blüte und Verfall aller unorganischen und organischen Materie im Hinblick auf das Leben des Einzelnen.

Das farbgebende und gestalterische Mittel zur Erschaffung von kunstvollen Abbildern ist bei Frau Sperrle Eisenoxid, der allgemein hin als Abfallprodukt bezeichnete Rost. Profaner Rost als ästhetisches Mittel der Gestaltung von Kunstwerken? Nein, Rost stellt bei Frau Sperrle nicht nur ein Mittel zum künstlerischen Ausdruckszweck dar. Vielmehr wirft die Künstlerin mit der Verwendung dieser Materie eine weiter greifende Lebensfrage auf, im Speziellen die nach dem Tod. Grundlegende Fragen nach der Schönheit und Bedeutung aller einzelnen Phasen der Existenz kann sich der Betrachter mit Hilfe der Ausstellung in Ruhe selbst stellen und für sich beantworten. Im Fokus der hiesigen Betrachtung soll jedoch das weitläufig unbequeme Thema über den Wert und Unwert des vermeintlichen Todes für das Leben an sich liegen.

Der Begriff Eisen, im Mittelhochdeutschen „isen“ und im Keltischen „isara“, bedeutet „kräftig“. Im Gotischen, „eisarn“ und „aiz“, wird es gleichbedeutend mit dem Lateinischen „aes“ als Erz benannt. Eisen bildet in unserer Atmosphäre jedoch Rost, zur Vereinfachung der chemischen Oxydationsvorgänge: Eisen + Wasser + Sauerstoff wird zu Eisenhydroxid (+ Energie). Dabei vergrößert sich das Volumen und Wärme wird frei. Eisen ist zudem als Spurenelement in Pflanzen, Tieren und Menschen vorhanden. Das vorläufige Endprodukt Rost wird weithin unterschätzt, denn Eisen gefördert aus der Erde wird bald zu Roststaub und damit wieder Bestandteil der Erde.

Jeden Einzelnen holt Mutter Erde in ihren Schoß zurück. Der Philosoph A. Schopenhauer (1788-1860) beleuchtete in seinem Werk: „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (2. Band), in Kapitel 41, „Ueber den Tod und sein Verhältniss zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“, S. 536-591, das Thema von Entstehung und Verfall brillant und nicht ganz ohne Humor.

„[…] Wenn was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt der Gedanke des NICHTSEYNS wäre; so müßten wir mit gleichem Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiß, daß das Nichtseyn nach dem Tode nicht verschieden seyn kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerther. Eine ganze Unendlichkeit ist abgelaufen, als wir NOCH NICHT waren: aber das betrübt uns keineswegs. Hingegen, daß nach dem momentanen Intermezzo eines ephemeren Daseyns eine zweite Unendlichkeit folgen sollte, in der wir NICHT MEHR seyn werden, finden wir hart, ja unerträglich. Sollte nun dieser Durst nach Daseyn etwan dadurch entstanden seyn, daß wir es jetzt gekostet und so gar allerliebst gefunden hätten? […]“ (S. 540-541)

Sicherlich ist das „Kosten“ des vorübergehenden Lebens mitbestimmend für die Frage nach dem Tod und dem darauf Folgendem. Nach Schopenhauer besonders festzuhalten ist allerdings das immer wiederkehrende Dasein in immer wieder gleichen Formen:

„[…] >>Wie?<<>>das Beharren des bloßen Staubes, der rohen Materie, sollte als eine Fortdauer unsers Wesens angesehen werden?<< - Oho! kennt ihr denn diesen Staub? Wißt ihr, was er ist und was er vermag? Lernt ihn kennen, ehe ihr ihn verachtet. Diese Materie, die jetzt als Staub und Asche daliegt, wird bald, im Wasser aufgelöst, als Krystall anschießen, wird als Metall glänzen, wird dann elektrische Funken sprühen, wird mittelst ihrer galvanischen Spannung eine Kraft äußern, welche, die festesten Verbindungen zersetzend, Erden zu Metallen reducirt: ja, sie wird von selbst sich zu Pflanze und Thier gestalten und aus ihrem geheimnißvollen Schooß jenes Leben entwickeln, vor dessen Verlust ihr in eurer Beschränktheit so ängstlich besorgt seid. Ist nun, als eine solche Materie fortzudauern, so ganz und gar nichts? Ja, ich behaupte im Ernst, daß selbst diese Beharrlichkeit der Materie von der Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens Zeugniß ablegt, wenn auch nur wie im Bilde und Gelichniß, oder vielmehr nur wie im Schattenriß. […].“ (S. 547-548)

Jene Unvergänglichkeit der Materie wird auch in der Kunst von Frau Sperrle aufgegriffen. Die Künstlerin druckt gewissermaßen das „Verfallsprodukt“ von Eisen auf einem Bildträger ihrer Wahl ab. Frau Sperrle macht mit Hilfe von Rost den Betrachter auf besondere Weise darauf aufmerksam, „[…] daß das lebende Wesen durch den Tod keine absolute Vernichtung erleidet, sondern in und mit dem Ganzen der Natur fortbesteht.“ (S. 549)

Die Kunst von Ingrid Sperrle bietet einen Versuch zur Hilfe zum Verständnis dafür, dass wenn die Menschen sterben müssen, sie in den Schoß der Erde zurückkehren, „wo sie geborgen sind, daher ihr Fall nur ein Scherz ist. […], denn wir selbst sind ja Natur. […].“ (S. 550)

Leben und Tod sind ständigem Wandel, aber auch Fortbestand unterworfen; dies könnte auch eine Überschrift zum Schaffen von Frau Sperrle sein.

„[…] Erwägen wir nun ferner, daß nicht nur, […], Leben und Tod von den geringfügigsten Zufällen abhängig sind, sondern daß das Daseyn der organischen Wesen überhaupt ein ephemeres ist, Thier und Pflanze heute entsteht und morgen vergeht, und Geburt und Tod in schnellem Wechsel folgen, während dem so sehr viel tiefer stehenden Unorganischen eine ungleich längere Dauer gesichert ist, eine unendlich lange aber nur der absolut formlosen Materie, welcher wir dieselbe sogar a priori zuerkennen; - da muß, denke ich, schon der bloß empirischen, aber objektiven und unbefangenen Auffassung einer solchen Ordnung der Dinge von selbst der Gedanke folgen, daß dieselbe nur ein oberflächliches Phänomen sei, daß ein solches beständiges Entstehen und Vergehen keineswegs an die Wurzel der Dinge greifen, sondern nur ein relatives, ja nur scheinbares seyn könne, von welchem das eigentliche, sich ja ohnehin überall unserm Blick entziehende und durchweg geheimnißvolle, innere Wesen jedes Dinges nicht mitgetroffen werde, vielmehr dabei ungestört fortbestehe;[…].“ (S. 550)

Eines der ausgestellten Werke in der Galerie bildet einen Kreis ab, und zu diesem Symbol schrieb Schopenhauer weiter:

„[…] Durchgängig und überall ist das ächte Symbol der Natur der Kreis, weil er das Schema der Wiederkehr ist: diese ist in der That die allgemeinste Form in der Natur, welche sie in Allem durchführt, vom Laufe der Gestirne an, bis zum Tod und der Entstehung organischer Wesen, und wodurch allein in dem rastlosen Strom der Zeit und ihres Inhalts doch ein bestehendes Daseyn, d.i. eine Natur möglich wird.[…]“ (S. 553)

Kunst als Mittel der Beobachtung und Darstellung von Leben und Tod kann uns allen mannigfaltige Freuden bereiten. Deshalb nehmen Sie sich bitte empfohlener Maßen gerade jetzt zum Ausgang des alten und Beginn des neuen Jahres ein paar Minuten Ihrer Zeit für die Werkschau und schenken Sie sich diese selbst. ©NH

Donnerstag, 11. November 2010

Ausstellung von Ingrid Sperrle

„Oxydation“ - Rost - Bilder - Folien - Drucke -

Foto/ Ausschnitt: o.T., Ingrid Sperrle.

Die Galerie des Kunsthof e.V. zu Halberstadt präsentiert in ihren Ausstellungsräumen der Voigtei Nr. 48 vom 12.11.2010-14.01.2011 eine außergewöhnliche Werkschau mit dem Titel „Oxydation - Rost - Bilder - Folien - Drucke -“ von Ingrid Sperrle.

Die in Schwäbisch Gmünd geborene und in Leipzig lebende Künstlerin schloss zunächst eine Ausbildung zur Emailleurin, dann zur wissenschaftlichen Zeichnerin ab und studierte von 1987-1990 Malerei und Bildhauerei an der Freien Akademie der Bildenden Künste in Freiburg. Seit einigen Jahren betreibt Frau Sperrle ein Atelier in der Baumwollspinnerei von Leipzig. Ihre Werke werden in Galerien des In- und Auslands ausgestellt und bilden eine gewisse Besonderheit im Bereich der zeitgenössischen Kunst.

Ohne die Verwendung von herkömmlichen Materialien wie Pinsel und Malfarben erzeugt die Künstlerin spielerisch-experimentell und dennoch hochbewusst-gelenkt Oxydationen. Rost fungiert hierbei als farb- und formgebendes Gestaltungsmittel auf Folie, Papier und textilem Untergrund. Diese „Mixed Art“ lebt von einem ungeheurem Farbspektrum, welches sich über verschiedene Gelb-, Orange- und Blautöne bis hin zu Schwarz-Braun erstreckt. Bei der Arbeit mit Wasser und Metall erschafft die Künstlerin auf unterschiedlichen Gründen organisch bedingte Zufallsformen und Strukturen, aber auch geometrische Symbole. Immer wieder greift Frau Sperrle sinnreich und sorgsam in den Verlauf des Verfalles der Materialien ein. Daraus entsteht ein kunstvolles Wechselspiel von Zufall und beabsichtigter Gestaltung.

Ihre Oberflächen- und Tiefenverhältnisse lassen darüber hinaus einen direkten Bezug zur allgemeinen menschlichen Existenz zu. Bei der immer wiederkehrenden Diskussion um Entstehung, Blüte und Verfall stellt die Künstlerin subtil die Frage nach wirklicher Schönheit. Schon der berühmte Dichter-Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) postulierte zur „Umwertung aller Werte“ von seinem Standpunkt der absoluten Lebensbejahung eine tiefere Auseinandersetzung mit derartigen Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven. Passend zum Herbst mit seinen besonderen Farben erwartet den Besucher der Exposition ein ausgesprochen hoher ästhetischer Genuss.

Wir laden Sie herzlich zur Ausstellungseröffnung am Freitag, den 12.11.2010 um 20:00 Uhr ein.

Die Begrüßungsansprache halten die Künstlerin und der Gastkurator Nicky Heise. Der Eintritt zur Vernissage und weiteren Ausstellung ist frei. ©NH

Galerie im Kunsthof Halberstadt

Voigtei 48

38820 Halberstadt

Donnerstag, 15. Juli 2010

Amor und Psyche – eine Kopie nach Antonio Canova, aus dem Besitz derer von Veltheim (?) im Städtischen Museum zu Halberstadt.

(siehe unten: Anmerkungen vom 28. Januar 2013 und vom 19. Oktober 2016)

Seit nunmehr ca. 50 Jahren befindet sich im Städtischen Museum von Halberstadt eine Skulptur von „Amor und Psyche“ in Marmor. Diese Figurengruppe wurde von einem dem Museum derzeit noch unbekannten Bildhauer in Kopie nach dem berühmten Vorbild des klassizistischen Bildhauers Antonio Canova (1757-1822) gefertigt. Canovas Bildhauerarbeit wurde 1793 vollendet, ist im Pariser Louvre zu betrachten und gilt bis heute als ein Markstein der europäischen Kunstgeschichte.
Abb. I.: Prof. Dr. S. Einholz, März 2010: Antonio Canova „Amor und Psyche“ von 1793, Marmor, Höhe 155 cm, im Louvre in Paris. Canovas „Psyche“ ist liegend dargestellt. Von einem schmalen Tuch über ihren linken Oberschenkel geschlagen ist die Scham bedeckt. Amor nähert sich ihr in Umarmung von hinten, während ihres Erwachens aus todesähnlichem Schlaf. Er ist hier, im Unterschied zu vorangegangenen Arbeiten anderer Bildhauer, geflügelt dargestellt. Die glatte Oberfläche der Figurengruppe verweist auf die klassizistische Kunsttheorie von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768).

Das kleinere Bildwerk in Halberstadt muss daher, wiewohl seine genaue Entstehungszeit noch ungewiss ist, im Nachgang als Kopie entstanden sein. Bisher konnte auch die Herkunft der wieder entdeckten und wenig beachteten Marmorskulptur nicht eindeutig geklärt werden. Ein Indiz führt jedoch, den persönlichen Erinnerungen des Museumsdirektors A.D. Dr. Adolf Siebrecht zufolge, nach Harbke. Armin Schulze, derzeitiger Museumsdirektor des Städtischen Museums Halberstadt, erfuhr über Herrn Siebrecht, dass das Bildwerk etwa Anfang der 60er Jahre im Museum Halberstadt mit dem Hinweis „es käme aus Schloss Harbke“ abgegeben wurde. Zu dieser Zeit verfiel das Schloss Harbke bereits zusehends zur Ruine. Von 1303 bis 1945 war das Adelsgeschlecht der von Veltheims als Gutsherren auf Schloss Harbke legitimiert.


In Folge der Bodenreform und der damit einhergehenden Enteignung der von Veltheims im Oktober 1945 flüchtete Dr. phil. Hans-Hasso Martin Ludolf von Veltheim auf Ostrau, Groß-Weissand und Garendorf (1885-1956) am 1. November 1945 in den westlichen Teil Deutschlands. Hierbei musste er einen beträchtlichen Teil des Familienbesitzes, z.B. die Kunstsammlung und das Gutsarchiv Ostrau, in Ostrau zurücklassen. Daher ist nicht völlig auszuschließen, dass die Marmorskulptur „Amor und Psyche“ im Vorab von einem der diversen Güter nach Harbke verbracht worden sein könnte.


Andererseits kann die Skulptur auch ursprünglich als Auftragsarbeit für Schloss Harbke gedacht gewesen sein, da sie sich thematisch nachträglich bestens in die Umgestaltung des Schlossparks durch Rüttger von Veltheim (1781-1848) im Jahre 1803 und in die Errichtung der neogotischen Orangerie 1830/31 einfügt. Ob die offenbar unsignierte Skulptur dieser Zeit zuzuordnen ist, bleibt noch unklar; sie kann ebenso gut zu einem späteren Zeitpunkt hergestellt worden sein, was sehr wahrscheinlich ist.
Abb. II.: Axel Elstermann, Juni 2010: „Amor und Psyche“ von (?), Marmor, Fragmenthöhe 54 cm, Breite 88 cm, Tiefe 45 cm, Städtisches Museum Halberstadt. Dass es sich bei dieser Marmorfigurengruppe um eine direkte Kopie nach Canova handelt, ist augenscheinlich eindeutig. Geringe, wiewohl feine Unterschiede drängen sich dem Betrachter im Vergleich zu Canovas Arbeit auf den ersten Blick auf: Der bisher unbekannte Bildhauer versuchte der vorliegenden Arbeit selbstbewusst seinen eigenen Schliff zu verleihen, um sich so von einer einfachen „imitatio“ abzuheben. Die gesamte Komposition wirkt letztlich nicht ganz so leicht und feingliedrig wie von Canova. Das Psyche bedeckende Tuch verläuft über ihr linkes Knie hinaus bis zum Knöchel hinab (siehe Abb. III.) und umhüllt beide Beine. Diese Ausführung entspricht der lithografischen Darstellung des Werkes von Canova (siehe Abb. IV).

Abb. III.: Axel Elstermann, Juni 2010: „Amor und Psyche“ von (?), Marmor, Fragmenthöhe 54 cm, Breite 88 cm, Tiefe 45 cm, Städtisches Museum Halberstadt. Der vorliegenden Skulptur in ihrer Darstellung sind außerdem bestimmte Attribute und Details im Gegensatz zu Canovas Komposition abhanden. So fehlt rückseitig betrachtet dem Amor der Köcher mit Pfeilen und der Psyche das amphorenartige Standgefäß. Charakteristisch für beide Arbeiten ist jedoch die zarte Zueinanderneigung der beiden Liebenden.

Abb. IV. aus: Die Werke Canova's. Sammlung von lithographirten Umrissen nach seinen Statuen und Bas-reliefs. Begleitet von einem erlaeuternden Text über jedes einzelne Werk nach den Urtheilen der Graefin Albrizzi und den besten Critikern, nebst dem Leben Canovas von H(enri) de Latouche (1785-1851). Herausgegeben von Fried. G. Schulz in Stuttgart. Stuttgart: Schulz (1825 oder 1826). – 2. wohlfeile Aufl. 1835. (www.goethezeitportal.de/index.php?id=3450)

Deutsche Bildhauer jedweden Stils beschäftigten sich mit der Darstellung des antiken Märchens von Amor und Psyche[1] in verschiedensten Auslegungen[2] und fanden zu ihrer Zeit in Deutschland hohen Anklang[3]:


1787 schuf Johann Heinrich von Dannecker eine Version von „Amor und Psyche“ ausgeführt in gebranntem Ton (35,7 x 18,2 x 8,4 cm), Staatsgalerie Stuttgart.
 
1848 präsentierte Heinrich Berges (1805 - 1852) seine Marmorgruppe „Amor und Psyche“ auf der Akademieausstellung in Berlin.

Nach 1856 fertigte Karl Hassenpflug (1824 - 1890) „Amor und Psyche“ für König Friedrich Wilhelm IV. an. Friedrich Wilhelm IV. erwarb die Arbeit 1858 auf der Akademieausstellung in Berlin.

1850 bis 1894 verweilte Karl Voss in Rom, hier schuf er unter anderem eine Skulptur von „Amor und Psyche“.

Bei der in Halberstadt verorteten Version von „Amor und Psyche“ der von Veltheims (?) handelt es sich denkbarer Weise um das Werkstück eines Bildhauers, der mit seiner Arbeit beweisen wollte, dass er den filigranen Stil eines Canovas ebenfalls beherrscht. Das mittlerweile von Kernauflösung betroffene Marmorbildwerk bedarf dringend einer fachgerechten Konservierung. Die Skulptur weist schwere Beschädigungen auf, so fehlen die Arme der Psyche, Teile beider Gesichter sind verwittert, und vermutlich die Flügel des Amors verlustig.

An dieser Stelle bittet der Autor um Hinweise zur möglichen Herkunft des Stückes und um eventuell vorhandene Archivalien in Privatbesitz wie Kupferstiche, Inventarlisten und ähnliches. Zur weiteren Einschätzung und Forschung werden dringend Bildbeweise für die Aufstellung der Skulptur im Schlosskontext benötigt. © NH   
(Überarbeitete Version vom 19.07.2010)



Anmerkung vom 28. Januar 2013.

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dürfte das besprochene Kunstwerk in der Berliner Bildhauerwerkstatt der Gebrüder Micheli hergestellt worden sein. In einem detaillierten Preisverzeichnis von 1918 sind Reproduktionen des populären Motivs in fünf verschiedenen Größen aus Carrarit, Elfenbeinmasse und Gips sowie aus Castellina-Marmor im Angebot der Gebrüder Micheli zu finden. Geneigte Kunstinteressenten konnten demnach die sogenannte „Erste Größe“ mit einer angegeben Höhe von 70 cm und einer Breite von 87 cm in Carrarit, Elfenbeinmasse oder Gips bestellen. In Castellina-Marmor waren zu dieser Zeit nur die vier kleineren Fassungen erhältlich. (Preis-Verzeichnis der Bildhauer-Werke von Gebrüder Micheli 1918, Preußische Staatsbibliothek Berlin, S. 26, Abb. ebd.)

Die im Städtischen Museum von Halberstadt als Torso erhaltene Reproduktion verfügt über eine gemessene Breite von ca. 88 cm. Dieses Breitenmaß käme der „Ersten Größe“ im Preisverzeichnis der Gebrüder Micheli ausgesprochen nahe. Eine genaue Materialprüfung im Museum verglichen mit weiteren Katalogen der Michelis könnte neue Erkenntnisse zur Zeit der Entstehung der ruinös erhaltenen Reproduktion hervorbringen. Nach einer ersten Einschätzung durch einen Steinbildhauer im Jahr 2010 liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Stück wohl um einen Marmor handelt. Eventuell umfasste das Repertoire der Bildhauerwerkstatt der Gebrüder Micheli bereits vor 1918 eine marmorne Fassung in dieser Größe.

Zur Steigerung der Bekanntheit ihrer Reproduktionen ließen die Michelis um 1906 Postkarten vertreiben, darunter auch Canovas „Amor und Psyche“ in stehender Ausführung, auf deren Vorderseite die Herkunft der Skulpturen aus ihrem Atelier gekennzeichnet war.

Angenommen, der Torso in Halberstadt stammt aus der Werkstatt der Gebrüder Micheli, so orientierten sich die Brüder in der Ausführung ihrer Reproduktion augenscheinlich an Canovas späterer Fassung (heute in der Eremitage, Sankt Petersburg) und/oder an der Replik in der Villa Carlotta in Italien.

Canovas Arbeiten fanden im aufstrebenden Bürgertum des 19. Jahrhunderts hohe Beachtung, Reaktionen von stillem Genuss bis zu glühender Verehrung waren die Folge: „[…] Ich habe nichts anderes in der Galerie gesehen. […] Ich küsste die Schönheit selbst. Dem Genius galt meine glühende Begeisterung.[…]“ notierte der Schriftsteller Gustave Flaubert (1821–1880) in seinem Tagebuch, nachdem er die Replik in der Villa Carlotta am Comer See ausgiebig betrachtet und letztlich sogar die steinerne Achsel der Psyche mit einem Kuss bedacht hatte.

Es werden weiterhin Fotografien einer möglichen Innen- oder Außenaufstellung im Schloss Harbke benötigt. Wer Hinweise zu derartigen Abbildungen geben kann, melde sich bitte unter der angegebenen E-Mail-Anschrift. © NH


Anmerkung vom 19. Oktober 2016.

Canovas „Amor und Psyche“ wurde von einigen Bildhauern nachempfunden. So schuf zum Beispiel Pietro Lazzarini (1842 Carrara bis 1918 ebenda) eine Marmorfassung mit dem anzunehmenden Titel „Eros und Psyche“. Auffällig erscheint bei dieser Fassung, dass der die Natur nachbildende Grund der Basis der Figurengruppe eckigere und scharfkantigere Felsenelemente aufweist, als sie bei Canova oder der hier besprochenen Gruppe vorkommen. Lazzarini entstammt einer Bildhauerfamilie aus Carrara und studierte in Florenz. 1869 ging er nach Berlin und machte sich als Portraitbildhauer für den Berliner Hofkreis einen Namen. Um 1875 machte sich Lazzarini in Paris sesshaft. (Vgl. auch: Ethos und Pathos, Beiträge, Kap. V, Brigitte Hüfler: Kurzbiografien Berliner Bildhauer, S. 507–508, Abb. S. 507)

Kontakt:
Nicky Heise, Dipl.-Museologe
oder:
Städtisches Museum Halberstadt
Domplatz 36
38820 Halberstadt
Tel.: 03941 55-1474‎





[1] Siehe: Norden, Eduard: Amor und Psyche. Märchen von Apulejus. Übertragen von Eduard Norden, mit Buchschmuck von Walter Tiemann, verlegt bei Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig 1902.

[2] Siehe: Tegethoff, Ernst: Studien zum Märchentypus von Amor und Psyche. Rheinische Beträge und Hülfsbücher zur Germanischen Philologie und Volkskunde. Herausgegeben von Theodor Frings, Rudolf Meissner und Josef Müller, Bd. 4, Kurt Schroeder, Bonn und Leipzig 1922.

[3] Siehe: Reitzenstein, Richard: Das Märchen von Amor und Psyche bei Apuleius. Antrittsrede an der Universität Freiburg, gehalten am 22. Juni 1911. Verlag B.G. Teubner, Berlin - Leipzig 1912.