Fritz Diederichs Kopie „Mutter
mit zwei Kindern“ nach Käthe Kollwitz – Ein mütterliches Schutzmotiv und
Antikriegsmahnmal zugleich
1949 schuf der Bildhauer Fritz Diederich (1869–1951) auf
Anregung des Bildhauers und Zeichners Gustav Seitz (1906–1969) eine Kopie der
Figurengruppe „Mutter mit zwei Kindern“ (1932/1936) nach Käthe Kollwitz
(1867–1945) in Muschelkalk. In ihrem beinahe druckfrischem Werkverzeichnis
„Käthe Kollwitz – Die Plastik“ legt die Berliner Kunsthistorikerin Dr. Annette
Seeler dar,[1] dass Diederichs Fassung auf der Grundlage eines seinerzeit
hergestellten Punktiermodells in Gips nach dem originalem Werkmodell aus Stuck von
Käthe Kollwitz gehauen wurde.[2] Dieses sogenannte Werkmodell, im November 1933
vom Tonmodell abgenommen, soll Käthe Kollwitz am 18. September 1943 zum Schutz
vor Bombenangriffen in die Berliner Nationalgalerie eingeliefert haben. Nach
dem Zweiten Weltkrieg verblieb es zunächst als Dauerleihgabe in der
Nationalgalerie zu Ost-Berlin. 2011 wurde es von einem Vertreter der
Erbengemeinschaft an das Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin gegeben.[3]
Diederichs Kopie, gefertigt im Auftrag des damaligen Magistrats
von Berlin, war um 1955 auf dem Kollwitzplatz und bis etwa zur Mitte der 1990er
Jahre an der Stelle des 1943 zerstörten ehemaligen Wohnhauses der Künstlerin – heute
Kollwitzstraße 58 – im Prenzlauer Berg aufgestellt. Von 1996/97 bis 2014 konnte
die Skulptur auf dem Areal des Bezirksamtes Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße
17 betrachtet werden. An dieser Stelle erfuhr das Kunstwerk allerdings nur
beiläufig Aufmerksamkeit, sodass eine Umsetzung der Figurengruppe, nicht
zuletzt auch aus konservatorischen Gründen, avisiert wurde.[4]
Am 28. Januar 2015 beschlossen dann die
Vertreter der Bezirksverordnetenversammlung von Pankow, das Bildwerk „[…] wird
im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Außenanlagen des Kultur- und Bildungszentrums
Sebastian Haffner dorthin umgesetzt. […] Vor dem Hintergrund der neu
erarbeiteten Dauerausstellung im Museum Pankow mit dem Schwerpunkt 20-er und
30-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bekommt die Skulptur so einen neuen
und geschützten Standort und ist in einen historischen und durch die Nähe zum
Kollwitz Platz auch in eine sinnvoll konnotierte stadträumliche Situation
eingebunden. [sic!] Das Museum Pankow hat sich verpflichtet, die Skulptur mit
einer Einhausung gegen Witterungseinflüsse zu schützen, eine Tafel zur
Entstehungsgeschichte anzubringen und sich um alle Belange zu kümmern, die dem
Erhalt der Skulptur dienen. […]“.[5]
Die Präsentation der am 12. Februar 2016 wiederaufgestellten und augenscheinlich
oberflächenbehandelten Skulptur in der Außenanlage des Museums von Pankow in
der Prenzlauer Allee 227/228 nimmt aktuell und peu à peu die vereinbarten
Formen an. Vor wenigen Wochen wurden um den Sockel herum Pflastersteine verlegt
und die Fugen mit feinem Kies aufgefüllt, sodass mehr als ein wesentlicher
Grundstein für ein entsprechend angestrebtes Umfeld geschaffen wurde. Die
Beschilderung mit der Entstehungsgeschichte des Werkes sowie die Einhausung,
beziehungsweise Überdachung, wird wohl in naher Zukunft folgen.
Abb. I: Fritz Diederich, nach Käthe Kollwitz: „Mutter mit
zwei Kindern“ vor der Ausstellungshalle des Museums im Prenzlauer Berg bzw. in
den Außenanlagen des Kultur- und Bildungszentrums Sebastian Haffner, Prenzlauer
Allee 227/228. Foto: Nicky Heise, Juli 2016.
Beobachteter Maßen und verständlicher Weise lässt sich
das Motiv auf erster Ebene als vertrautes mütterliches Schutzmotiv auffassen,
wenngleich eine weitere Ebene über die ausdrucksstarke Körperhaltung der Mutter
mit Kindern recht deutlich wird: Vor welchen Ereignissen sinnt diese Mutter
ihre Sprösslinge zu beschützen? Wird es ihr wirklich gelingen können, die
Kinder vor allem Unbill des Lebens zu bewahren? Endet man bei seinen
Überlegungen unter Umständen bei der Gewissheit darüber, dass es im Zweiten
Weltkrieg und auch in unserer Zeit immer wieder zu Angriffen auf Teile der Zivilbevölkerung
kam und kommt, entsteht dem nachdenklichen Betrachter tieferes Mitgefühl. Vor
dem Hintergrund von Käthe Kollwitz‘ biografisch bedingten Schmerz- und
Verlusterfahrungen, ihr Sohn Peter fiel im Ersten Weltkrieg, verdichtet sich
hier der Ausdruck eines allgemeingültigen menschlichen Leidensbildes. Es handelt
sich bei dem Werk also nicht nur um ein mütterliches Schutzmotiv, sondern
aufgrund des tiefergehenden Mahncharakters auch um ein Antikriegsdenkmal.[6]

Abb. II: Fritz Diederich, nach Käthe Kollwitz: „Mutter
mit zwei Kindern“, Detailaufnahme. Foto: Nicky Heise, Juli 2016.
Noch eindrücklicher wird diese Leseart nach dem Studium
der Sockelinschrift an der Kopie von Diederich.
Abb. III: Sockelinschrift der benannten Figurengruppe.
Foto: Nicky Heise, Juli 2016.
Inwiefern diese Darstellung mit posthum zugedachter
Sockelinschrift als Sinnstiftung seinerzeit auch für zielgerichtete politische
Agitation beansprucht wurde, soll an dieser Stelle keine hinterfragende
Betrachtung finden. Auf seine rein formal-ästhetische Wirkung hin, kann das
Motiv als Bronzeplastik vor dem Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße 24
von Berlin-Charlottenburg betrachtet werden.
Beide Käthe-Kollwitz-Museen, das Berliner sowie das
Kölner Haus, feierten und feiern in diesem Jahr jeweils ihr 30-jähriges
Bestehen mit Jubiläumsausstellungen. In Köln wurde vom 4. März bis zum 5. Juni
2016 eine Ausstellung mit dem Titel „GUSSGESCHICHTE(N) – Das plastische Werk
von Käthe Kollwitz in Gips, Stucco, Bronze und Zink“ gezeigt.
Ausstellungsbegleitend ist die bereits erwähnte Publikation „Käthe Kollwitz –
Die Plastik“ als Werkverzeichnis erschienen. Dr. Annette Seeler widmete sich
hierin ausschließlich der genauen Untersuchung des plastischen Schaffens von
Käthe Kollwitz. Im Focus steht außerdem die kritische Dokumentation der
posthumen Vervielfältigungen von dreidimensionalen Bildwerken der Künstlerin
Käthe Kollwitz.NH
Anmerkungen und Quellen:
Die beabsichtigt etwas assoziativ ausfallende Überschrift
setzt sich aus dem Titel des 1976er Albums „Station to Station“ von David Bowie
und einer Textzeile aus dem Song „Sie“ von der Band Einstürzende Neubauten
zusammen.
[1] Vgl.: Annette Seeler: Käthe Kollwitz – Die Plastik.
Werkverzeichnis. Hirmer-Verlag, München 2016, PDF-Fassung, WVZ-Nr. 29, S. 20–22,
45 f, 49 f, 65, 111–118, 217, 243, 264 ff. Erschienen zur Ausstellung „Gussgeschichte(n). Das
plastische Werk von Käthe Kollwitz in Gips, Stucco, Bronze und Zink", im Käthe
Kollwitz Museum Köln vom 4. März bis 5. Juni 2016. (Stand vom 25. Juli 2016)
[2] Anm.: In der Drucksache VII-0768 der
Bezirksverordnetenversammlung Pankow von Berlin vom 6. Januar 2015 heißt es,
dass Diederichs Kopie unter zu Hilfenahme einer „Zement-Plastik“ entstanden sei.
Vgl.: https://politik-bei-uns.de/file/561d9b951ae6a061e7547b56/download. Dr. Annette
Seeler nennt in ihrem Werkverzeichnis zwar die Herstellung eines „Steingusses“ im
Jahre 1936, setzt diesen jedoch nicht in direkten Zusammenhang mit der
Entstehung der Kopie von Diederich 1949. Nach Frau Dr. Seeler schlug außerdem Erich
Geiseler (1901–1983) zwischen 1937 und 1938 im Auftrag von Käthe Kollwitz eine
Fassung in Donaukalkstein. (wie Fußnote 1, WVZ-PDF Seeler S. 111–113)
[3] Anm.: Auf der Seite des Bildarchivs Foto Marburg ist
als Zugangsdatum der Plastik in der Nationalgalerie Berlin das Jahr 1937
festgehalten. Vgl.: http://www.bildindex.de/obj02532965.html#|home. Nicht wie
hier zitiert 1943. Vgl.: WVZ-PDF Seeler S. 111–113.
[5] Aus: Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung
Pankow von Berlin. Beschluss-Nr.: VII-1142/2015, Beschluss-T.: 3.2.2015,
Drucksache VII-0768. Einsehbar als PDF im www. (Stand vom 27. Juli 2016)
[6] Anm.: Bereits um 1900 änderte sich das öffentliche Verhältnis
zu bis dato bereits tradierten Kriegerdenkmälern spürbar. Dienten sie zur Zeit
der Kaiserreichsgründung 1871 noch hauptsächlich der eher heroisierenden Erinnerung
an außergewöhnlich patriotischen Kampfgeist, so mahnten bereits in den 1890er
Jahren einzelne Kriegsversehrtenverbände, Veteranen- und Kriegervereine an, die
Schrecken und Leiden von subjektiv erlebten Kriegssituationen mehr in den Fokus
der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu rücken. Der nur bedingt reflektierten
Verehrung von vermeintlichen Kriegshelden sollte nun vermehrt die Auffassung „Nie
wieder Krieg“ entgegenstehen. Das Leid- und Verlusthafte des Individuums trat zunehmend
in den Vordergrund retrospektiver Betrachtungen. Einzelne Kriegervereine erinnerten
somit nicht nur an gefallene, versehrte und überlebende Soldaten in geeigneten
Mahnmalen, sondern wiesen häufig bei deren Einweihungs- und Enthüllungsveranstaltungen
ganz dezidiert auf die individuellen und gesamtgesellschaftlichen Folgen von
kriegerischen Auseinandersetzungen hin.
Weiterführende Literatur:
Josephine Gabler und Martin Fritsch (Hg.): Käthe Kollwitz
– Bildhauerin aus Leidenschaft. Das plastische Werk. E. A. Seemann Verlag,
Leipzig 2011.
Annette Seeler: Käthe Kollwitz – Die Plastik.
Werkverzeichnis. Hirmer-Verlag, München 2016. Erschienen zur Ausstellung
„Gussgeschichte(n). Das plastische Werk von Käthe Kollwitz in Gips, Stucco,
Bronze und Zink", im Käthe Kollwitz Museum Köln vom 4. März bis 5. Juni 2016.
Links zu den Kollwitz-Museen:
Köln: http://www.kollwitz.de/
Dieser Beitrag ist meiner Mutter, meinem jüngeren Bruder, berufstätig als Bundeswehrsoldat, seiner langjährigen Lebensgefährtin, seiner Tochter sowie dem kommenden Kinde gewidmet.NH