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Abb. I: Ernst Wenck: „Der Weg des Menschen von der Geburt bis zum
Tod“. Skulpturaler Bauschmuck am Hauptportal des Alten Friedhofs der St.-Nikolai-
und St.-Marien-Gemeinde in Berlin. Fotografie/Ausschnitt vom 13. April 2013, ©Nicky
Heise. |
Im Giebel des nordwestlich gelegenen Hauptportals des Alten
Friedhofes der St.-Nikolai- und St.-Marien-Gemeinde an der Prenzlauer Allee Nr.
1 hat sich ein von Ernst Wenck stammendes Relief mit dem anzunehmenden Titel „Der
Weg des Menschen von der Geburt bis zum Tod“ erhalten. Das Bildwerk ist an
seiner steinernen Rahmung unten links mit „FEC. ERNST WENCK“ bezeichnet bzw.
signiert.
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Abb. II: Ausschnitt der Bezeichnung bzw. Signatur unten links, auf Ernst Wencks: „Der Weg des Menschen von der
Geburt bis zum Tod“. Fotografie/Ausschnitt vom 13. April 2013, ©Nicky Heise. |
Die einzelnen Figuren und Figurengruppen wurden vom Bildhauer aus separaten
Steinen als Relief und zu einigen Teilen, über das Halbplastische hinaus, nahezu
vollplastisch gearbeitet.
Das Relief zeigt, von rechts nach links betrachtet, zuerst die
Sitzfigurengruppe einer „Mutter mit Säugling“, dann kommt eine „zurückblickende,
erste Schritte wagende, Kinderfigur“, danach eine „im Schreitschritt nach vorne
begriffene Figur eines jungen Mannes“, darauf eine sitzende Figurengruppe eines
sich „liebevoll zugeneigten Menschenpaares“, dann wiederum eine Figur eines voll
ausgereiften, athletischen Mannes und schließlich eine aus einzelnen Figuren
bestehende Gruppe, einer sich zu einem ganz links im Bild vor Lebensmüdigkeit
da niedergesunkenen alten Mannes vorbeugende Greisin.
Ernst Wenck konzipierte seine Vorstellung einer Darstellung der Alters-
oder Lebensphasen des Menschen in sechs Stufen:
Eine kniende Mutter hält in ihrem rechten Arm einen Säugling auf
dem Schoß und nähert sich mit ihrem Mund sanft dem leicht gesenktem Köpfchen
des Kindes. Mit der linken Hand fasst sie prüfend ihre linke Brust. Sie könnte
im Begriff sein, ihr augenscheinlich eingenicktes Kleinkind wecken und stillen
zu wollen. Das Kind kann aber auch gerade gestillt worden sein und nun
erschöpft im Schoß der Mutter verweilen. Allenfalls die Ausführung der
Kinderfigur auf dem Schoß der Mutter erinnert die Betrachtenden noch an tradierte
Darstellungen der „heiligen Maria mit dem Kind Gottes“; diese Mutter, abgebildet
in leicht eingedrehter Seitenansicht, scheint jedoch der Antike entlehnt zu
sein. Das erste Teilstück des Reliefs wurde von Wenck noch recht flach ausgearbeitet.
Als Zweites ist eine Kinderfigur zu identifizieren; das Kind in
einem symbolischen Vorwärtsschritt begriffen, blickt, den Oberkörper nach links
eingedreht und den linken Arm zur Mutterfigur hin ausgestreckt, zu ihr zurück. Vielleicht
fallen die allerersten Schritte noch wackelig und etwas unsicher aus, doch die
zu erahnende und zunehmende Eigenständigkeit des kindlichen Vorwärtsschrittes
sowie eine allmählich daraus resultierende Distanz zum ersten Lebensabschnitt wird
im Relief durch Natur nachbildenden Hinter- und Untergrund noch verstärkt. Zudem
ließ der Bildhauer die Körperkonturen der etwas solitären Kinderfigur bereits
stärker als bei der vorangegangenen und flacheren Figurengruppe aus dem Relief
hervortreten.
Als Drittes hebt ein, mit dem rechten Bein voran, im Schreitschritt
befindender junger Mann seine rechte, leicht geöffnete Handinnenfläche, fast einem
Spiegel gleich, vor sich an. Es scheint gerade so, als wolle er das einfallende
Licht der Sonne fassen. Vermutlich wird er sich der „göttlichen Kraft des Lichtes“ sowie seiner Rolle als Mensch im
Fluss der Zeit bewusst. Bekleidet ist der Dargestellte mit einer leichten
Gewandung, die, über seine linke Schulter geworfen, vor und hinter ihm hinunterfällt.
Der Körper des jungen Mannes wurde von Wenck ab etwa der Höhe der Knie nahezu vollständig
von der Fläche des Reliefs abgelöst. Die Körperhöhe der Figur füllt von unten her
gesehen die Gesamthöhe des Bildwerkes aus.
Im Zentrum des Bildwerkes positionierte Wenck ein auf sprödem
Felsen sitzendes Liebespaar, wie es im Formenkanon der Bildhauerei um 1900
häufiger vorzufinden war. Oberhalb des Paares befindet sich die mit einem Kreuz
versehene Sonne, welche als Symbol der Kraft Gottes und ihren unvergänglichen
Lebens- und Liebesglanz aufgefasst werden kann. In der Antike glaubten die Menschen,
dass die Sonne nachts das Totenreich durchwandere.
Die fünfte Phase des Daseins gestaltete der Bildhauer als
Personifikation eines athletischen und bärtigen Mannes in Frontansicht. Der
Dargestellte stützt seine rechte Hand auf seinen rechten Oberschenkel, seine
Linke hält er zur Faust geballt auf seiner Hüfte. Er schaut sich erinnert auf
das Menschenpaar zurück.
Ganz links auf dem Relief beugt sich eine Greisin mit ihrem
ausgestreckten rechten Arm zu einem vor ihr müde darnieder gesunkenen alten
Mann. Der alte Mann lässt seinen Kopf und seine Glieder ermattet hängen. Selten
ist die paarhafte Darstellung des hohen Alters in der Bildhauerei um 1900, und
in diesem Falle ist sie wohl auch der Gesamtdarstellung geschuldet. An dieser
Stelle sei an die solitäre Figurengruppe „Adam und Eva am Ende des Lebens“ (1898)
von Gustav Eberlein erinnert. Diese Vollplastik stellt eine der wenigen frei
entstandenen Arbeiten zu diesem Thema dar. Das damals zu realistisch wirkende
Werk wurde auf allerhöchsten Befehl von der Großen Berliner Kunstausstellung
1900 aus der Aufstellung entfernt.
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Abb. III: Gustav Eberlein (1847-1926): „Adam und Eva am Ende des Lebens“ (1898), Quelle: Prof. R. Grimm. |
Ernst
Wenck wusste in seinem Bildwerk „Der Weg des Menschen von der Geburt bis zum
Tod“ den Formenkanon von antikischem Idealismus und Realismus zu vereinigen.
Ernst Wenck besuchte von 1885 bis 1889 die Unterrichtsanstalt des
Kunstgewerbemuseums und die Akademie der Bildenden Künste in Berlin. Als
einer der Berliner Bildhauer ersten Ranges war er ab der Mitte der 1890er-Jahre
auch an Planungen für ein kolossales „Bismarckdenkmal“ in Hamburg-Blankenese
beteiligt.
Zu seinen bekanntesten frei entstandenen Arbeiten gehört unter
anderem das in seiner Zurückhaltung auffallende Bewegungsmotiv „Trinkendes
Mädchen“, das 1904 auf der Großen Kunstausstellung von Dresden vertreten war. Eine 1901
gefertigte, 76 cm hohe Fassung in Carrara-Marmor befand sich in der Alten
Nationalgalerie von Berlin und gilt heute als verschollen.
Der Bildhauer war Mitglied der Berliner Sezession und fand seine
letzte Ruhestätte auf dem Alten Friedhof der St.-Nikolai- und
St.-Marien-Gemeinde. Seine Grabstätte wurde allerdings nicht erhalten. ©Nicky
Heise, Berlin.
Weiterführende Literatur:
August Grisebach: Bemerkungen zu plastischen Arbeiten von Ernst Wenck. In: Die Kunst für Alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur. Bd. 31. 1915-1916. Heft 9/10, 1. Februar 1916, S. 181-189. http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1915_1916/0200?sid=2279e5dfeff56ce2d8105397a6a6d5f4